Analog Renaissance V2.0? …oder Angriff der Klonchips


Der Roland Jupiter 6 hat 12x CEM3340 VCO, 6x IR3109 VCF und 6x CEM3360 Dual VCA unter der Haube – By Svuntutheysari [CC BY-SA 3.0 or GFDL], from Wikimedia Commons
Interessante Synthizeiten brechen an. Wir haben offenbar die Analog Renaissance V1.0 hinter uns gelassen, die jede Menge Monophone Analogsynthesizer hervorbrachte. Ausnahmen gab es selbstverständlich auch, zum Beispiel den Andromeda A6 von Alesis, oder die Synthesizer von Dave Smith, dessen Firma sich seit einigen Jahren wieder SEQUENTIAL nennen darf. Diese Geräte haben eines gemeinsam: In ihrem inneren erledigen analoge Voice und Filterchips die Synthesearbeit. Würde man die komplette VCO und Filterschaltung diskret aufbauen, hätte das einen wesentlich höheren Platzbedarf inkl. entsprechender Kosten zur Folge. Für einen kompakten, mehrstimmigen und letztendlich auch bezahlbaren Analogsynthesizer sind diese, auf kleinstem Raum zusammengefassten Schaltkreise, unerlässlich. Welche Chips im A6 ihren Dienst verrichten, weiß ich leider nicht. Auch Dave Smith benötigt welche für seine Synthies. Welche Chips im einzelnen zum Einsatz kommen, ist aus den Spezifikationen der Geräte oft nicht ersichtlich. Schließlich gibt es nur eine Firma, die uns Mensch Maschinen ins Schwärmen geraten lässt: „Curtis Electromusic (CEM)“. Allerdings stellt Curtis, nachfolgend OnChip Systems genannt, bereits seit einigen Jahrzehnten die entsprechenden Chips nicht mehr her. Da gab es natürlich auch noch die Firma SSM (Solid State Microtechnologies by Solid State Music) Laut Aussage von Uli Behringer, belieferte seine Firma Cool Audio (Bauteil-Sparte von BEHRINGER) bereits SSM Klone an DSI. Offenbar konnte Dave Smith auch auf original Curtis Chips zurückgreifen, die er sich vor Doug Curtis Tod hat auflegen lassen.

Curtis CEM3360 Dual VCA – By John R. Southern (Flickr: IMG_0283) [CC BY-SA 2.0 ], via Wikimedia Commons
Bereits seit einigen Jahren ist das Klonen der immer seltener werdenden Analog Chips in der Synthesizerbranche ein Thema. Schließlich sind die Patentrechte der Curtis und SSM Chips bereits vor Jahren abgelaufen, so das einer Neuauflage nichts mehr im Wege steht. Als Reaktion auf Cool Audios CEM3340 Klon, brachte OnChip Systems ebenfalls eine Neuauflage des IC´s auf den Markt, der in vielen Synthesizer Klassikern der endsiebziger bis mittachziger Jahre verbaut war. OnChip Systems wurde 1988 von Doug Curtis gegründet, dessen Fokus nun aber nicht mehr auf Synthesizer spezifischen Produkten lag.
Viel Zeit ist seit dem vergangen… und vielleicht auch die ein oder andere Möglichkeit, alte Chips wieder neu aufzulegen. Ein neu produzierter CEM3340, original von OnChip Systems, kostet zur Zeit (Stand 28.10.2018) 10,60 britische Pfund. Umgerechnet sind das knapp 12€ zzgl. Mehrwertsteuer und ggf. Zoll. Ein Klonchip von AS ALFA RPAR aus Lettland kostet bei advanced-analog-systems.com 6,95€+ Versand. Der CEM3340 ist der einzige Chip, der von OnChip Systems neu aufgelegt wurde. Auf andere Original Neuauflagen sollten wir besser nicht warten. Man möchte hier vielleicht auch einfach nur mal „Hallo“ sagen und bei dem ganzen geklone die Leistung von Doug Curtis gewürdigt wissen. Vielleicht würde es sich für OnChip Systems überhaupt nicht lohnen, weitere Bausteine neu aufzulegen. Ein Klon ist eben nicht nur eine Kopie. Ein Klon ist wie das Original, eins zu eins. Weshalb sollte man also für ein vermeintliches Original das doppelte an Euros hinlegen, wenn man doch das gleiche für weniger bekommt?

Korg Polysix – Korg verbaute lieber SSM Chips – By Svuntutheysari [CC BY-SA 3.0 or GFDL], from Wikimedia Commons
Mary Curtis, die Witwe von Doug, hat sich gegen das Klonen von Vintage Musiktechnologie ausgesprochen und gesagt, dass sie „zutiefst betrübt über den Versuch anderer ist, mit Curtis´Namen Handel zu treiben“. Verständlicherweise appelliert sie an das Traditionsbewusstsein der Synthesizer Fangemeinde, wohl wissend, das die CEM Chips quasi schutzlos zum legalen Klonen freigegeben sind. Einzig die Bezeichnung des Originals darf nicht verwendet werden. AS ALFA RPAR nennen ihren 3340er z.b. AS3340… die Zahlenfolge wird beibehalten, damit die Chips einfacher zugeordnet werden können.
Ehrgefühl und Tradition hin oder her, was nutzt es dem Jupiter 6 Besitzer von nebenan, wenn sein Schätzchen nicht mehr repariert werden kann, weil keine Chips mehr erhältlich sind. Und überhaupt… was juckt mich eigentlich ein wahrscheinlich Porsche fahrender Nobelsynthie Besitzer?!
Es werden aber auch noch andere Curtis IC´s geklont. Von AS ALFA RPAR gibt es zur Zeit folgende Chips:
AS3310, AS3320, AS3330, AS3340, AS3360 jeweils in DIP und SMD Bauweise
Cool Audio klont folgende Chips:
V3340, V3320
Die Auflistung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Im Zweifelsfall informiert euch bitte bei den jeweiligen Herstellern. Hier könnt ihr nachsehen, welche Funktionen ein CEM oder SSM Chip beinhaltet.
Was möchte uns nun dieser kleine Beitrag sagen? Ganz einfach, wir hoffen in Zukunft auf „viele“ polyphone, analoge Synthesizer von unterschiedlichen Herstellern, damit wir irgendwann für einen SEQUENTIAL Prophet 6 keine 2500€ mehr hinblättern müssen. Einfache Menschen, wie ich, denken dann immer direkt an… „Watt? 5000 Mack?“
Das Titelbild dieses Beitrages zeigt übrigens das Innenleben eines Sequential Prophet 10. Gut sichtbar sind die zwei Prophet 5 Voiceboards. Je nach Revisionsnummer sind darauf SSM Chips enthalten, oder ab Rev.3, Curtis Chips. Picture by Brandon Daniel (originally posted to Flickr as sandwich) CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons
Mit diesen Worten schließe ich und wünsche einen schönen Sonntagabend!
Quellen:
amazona.de , gearnews.de , keyboards.de , factmag.com
